Mittwoch, 23. September 2015

Hase und Igel

Wir sind allein und es fühlt sich falsch an. Es ist, als ob ein Teil fehlt und wir vermissen Petra und Leander sehr. Deshalb ist auch unser Telefonkontingent für diesen Monat schon überzogen.

Nikolaus und ich sind noch am Nachmittag des 12.09., des Abreisetags bei knapp 20kn Seitenwind abgelegt und weiter in das „einsame Fischerdorf“ Petriti gefahren. Mal abgesehen, dass der Wind natürlich nach dem Ablegen fast weg war, begann hier unser Hase/Igel Spiel, d.h. wir sind der Hase und überall wo wir hinkommen sind viele Igel schon da. Petriti besteht praktisch aus ein paar Häusern, drei Tavernen, einem Supermarkt und mind. 30 Segelyachten. Dank wenig Tiefgang haben wir im flacheren Wasser noch ein Plätzchen gefunden. Abgesehen davon ist es sehr hübsch hier, auf einem Felsen vor dem Ufer wurde ein Sonnendeck gebaut, dass leider von Möwen besetzt und dementsprechend versch…. ist. Am Strand liegt das Wrack eines österreichischen Segelboots, das wir besichtigt haben. Es lehrt einen, den Respekt vor dem Meer nie zu verlieren und immer achtsam zu bleiben, ein Riff ist schnell übersehen. Vor dem Anker-auf-Manöver taucht Lausi noch einmal ums Boot und bemerkt, dass sich um beide Propeller mind. 2 Meter Leinen gewickelt haben. Keine Ahnung, wo die herkommen, ich habe nichts bemerkt. Da sie neu und sauber aussehen, können sie nicht von Bojen stammen, vielleicht hat sie ein Boot verloren. Gut, dass wir sog. Rope Cutters, rasiermesserscharfe Scheiben an den Schrauben montiert haben, die sie gleich durchtrennt haben, so dass ich die Leinen nur noch abwickeln brauchte.
 
Paxos war unser nächstes Ziel, genauer gesagt Lakka im Norden. Als wir gegen 18.00 Uhr in die Bucht einlaufen gehen uns fast die Augen über. Es ist eine wunderschöne, rundum geschützte Bucht mit türkisblauem, klaren Wasser, an deren Ufern sich ein pittoreskes Städtchen schmiegt. Alle Igel sind auch schon da, grob geschätzt über 100. Wir finden noch ein Eck vor der Hafeneinfahrt, wenn auch mit weniger Kette als gewohnt, aber es soll eine ruhige Nacht werden. Wir grillen, schlafen und verziehen uns am nächsten Tag auf die Westseite von Paxos, wo eine blaue Höhle liegt. Zwischen den Igeln ist gerade so viel Platz, dass der Anker noch auf den Boden reicht, aber egal, auf diesem Felsboden hält er sowieso nicht. Wir schnorcheln, immer mit einem Auge auf die LENI, fast eine Stunde durch die Höhlen. Es war wirklich ein außergewöhnliches Schauspiel.

 
Nach knapp drei Stunden Aufenthalt gehen wir weiter nach Antipaxos zu den gelobten karibischen Buchten Vrika, Mesovrika und Voutoumi. Bei letzteren hält unser Anker im 3. Versuch, da der Boden von Felsplatten durchzogen ist. Die Buchten sind einfach Extraklasse v.a. Vrika mit einem weißen Puderzuckersandstrand, aber natürlich sind auch die Igel schon da, wenn auch noch wenige. Das sollte sich ab 09.00 Uhr des nächsten Morgens ändern. Bis Mittag waren es schon über 20 Segelboote und drei Ausflugsschiffe. Zu allem Überfluss sind auch die Tavernen in den Buchten nur bis 17.00 Uhr geöffnet. Wir machen ein bisschen Schule und dann verdienterweise Strand, erst Voutoumi, dann Vrika. Während ich, nach dem harten Tag, ein Feierabendbierchen zu mir nehme, rettet Lausi die kleine LENI vor dem Absaufen, sie war wegen der Wellen quergeschlagen. Der nächste Tag war wieder hart, Lausi hat Schule gemacht und ich in zehn Minuten die Schrauben von fünf Austern befreit, ohne sie zu essen, da ich vergessen habe rechtzeitig den Schampus kalt zu stellen. Am Nachmittag haben wir uns dann wieder am Strand von Vrika erholt, ab 17.00 Uhr ist man da ganz allein, und danach bei Captain Spiros Restaurant harten Hammel und eigenartigen Fisch nach Spezialrezept genossen. Der Postkarten-Meerblick hat das aber mehr als aufgewogen. Bevor wir zurück zur LENI konnten, mussten wir noch einen Tauchkurs Apnoe mit offenen Augen ohne Tauchbrille absolvieren, da sich der Anker der „Kleinen“ in einer Felsspalte verfangen hatte. Wir sind dann früh ins Bett, da morgen frühaufstehen angesagt war, wir hatten knapp 50sm bis Kefalonia vor uns.
 


Um 06.30 Uhr klingelt pünktlich der Wecker. Nach einem Rundblick entscheide ich, edel und gut, Lausi schlafen zu lassen. LENI ist ganz nass, in der Nacht kühlt es mittlerweile ab, und die See auch und spiegelglatt ohne einen Windhauch, d.h. wieder einmal motoren. So bleibt es auch bis zum
Nachmittag. Wir setzen die Genua zur Unterstützung und landen bereits um 16.00 Uhr vor Fiskardo auf der Insel Kelafonia an. Die Igel sind zwar zahlreich, aber erheblich weniger als noch die Tage zuvor. Wir fahren ein hochprofessionelles Ankermanöver und bringen zwei Landleinen aus; ich bin stolz auf meinen Sohn, er hat die Ruhe weg und erledigt seinen Job, als ob er ihn mit der Muttermilch aufgesogen hätte. Nach uns kommt eine 9-Personen-Crew, braucht drei unterirdische Anläufe und bietet bestes Kino; ich werde immer stolzer auf meinen Sohn. Leider bekommt Lausi später Bauchweh und trinkt ein Gläschen Anker-Flohsamen, während ich das Ankerbierchen genieße. Abends essen wir bei Nicolas, es war die erste Taverne und der Name verbindet. In Zukunft lassen wir das. Wir hatten schon in Petriti bemerkt, dass wir in die Gegend der Zimtliebhaber kommen. Überall Zimt, ich glaube in allem, was gekocht wird. Als passioniertem Zimthasser, ein Kindheitstrauma seit Mamas Michreis und Griesbrei, hat es mir alle Haare aufgestellt und wir haben dankend abgelehnt, uns die Reste einpacken zu lassen. Ab jetzt nur noch Gegrilltes. Am nächsten Tag waren Lausis Bauchweh immer noch da, Zimt oder Schule oder was auch immer, so dass wir an Bord geblieben sind.

Nach zwei Tagen sind die Bauchweh schon etwas besser, Baden und Lesen sind kein Problem, dafür ist für Sonntag, den 20.09. Südostwind bis 26kn angesagt. Gerne wären wir in den Hafen gegangen, aber keine Chance, er war übervoll. Gegen 18.00 kommt der Wind aus Südost, genau wie angesagt. Um sicher zu gehen, bringen wir den Anker neu aus und legen längere Landleinen, eine ziemlich langwierige Prozedur. Trotzdem bin ich mit dieser Lösung nicht glücklich, wir liegen nahe an den Klippen, aber anders geht es nicht. Gegen 21.30 Uhr, Nikolaus liegt schon im Bettchen, ist die Kacke dann im wahrsten Sinne des Wortes am Dampfen. Es gibt heftige Gewitter und der Wind dreht auf West, genau auf unsere Breitseite. Plötzlich haben wir über 30kn und LENI dreht sich bedrohlich zur Seite. Das kann nicht lange gutgehen und tut es auch nicht, der Anker slippt und wir treiben seitlich auf die Klippen zu. Da wir nur fünfzehn Meter entfernt sind gibt’s da nicht viel zu treiben. Ich schreie, während ich die Motoren starte: „Nikolaus komm schnell“ und irgendwas in meiner Stimme sagt ihm, dass jetzt keine Zeit zum üblichen trödeln ist. Lausi schmeißt die Leinen los, ich gebe Vollgas und wir sind raus aus der Falle, es waren keine fünf Meter Luft mehr. Gewitter und Starkregen über uns und zahlreiche Schiffe, denen es genauso ergangen ist, neben uns müssen wir uns ein neues Plätzchen suchen. Ab in den Hafen, 30m Kette raus und hoffen, dass es hält. Es hält, aber ich auch; d.h. ich halte die ganze Nacht im Salon Wache. Niemals mehr Landleine bei unstetem Wetter!

Am nächsten Morgen regnet es zwar, aber der hat Wind abgeflaut. Wir versuchen einen Platz im Hafen zu ergattern, wir brauchen beide Schlaf. Dies gestaltet sich äußerst nervend, da zum einen bei dem Sauwetter keiner rausfährt und wir zum anderen, aufgrund unserer Breite, fast zwei Plätze brauchen. Völlig deprimiert fange ich an andere Segler anzubetteln, umzulegen und auch dank Lausis Blick erweichen wir das Herz von vier Rheinländern, Ki, Kirsten, Uwe und Tobias, die alle Hebel in Bewegung setzen, uns eine Lücke zu verschaffen, mit Erfolg. Allerdings ist die Lücke max. 6 Meter breit und wir sind 7,25 Meter. Dazu kommt noch ein netter Engländer und alle schreien wir sollen es probieren. O.K., Kugelfender hinten an die Pobacken und etwas Gas, dann drückt es die Anderen schon weg. Der Engländer an unserer Backbordseite bekommt zwar fast einen Herzinfarkt und rührt keinen Finger, aber ich drücke LENI, nach Didi Hamann Manier in Wembley, in die Lücke, die jetzt exakt 7,32 Meter breit ist. Die Rheinländer helfen tatkräftig mit und um 12.00 Uhr liegen wir sicher im Hafen. Ich habe sie gedrückt, mich 1000mal bedankt und abends die Getränkerechnung übernommen, selten war ich so dankbar und glücklich; doch am Hochzeitstag mit meiner liebreizenden Frau war ich natürlich noch glücklicher.
 
Jetzt sind wir der Igel und liegen schon drei Tage im Hafen des zauberhaften Fiskardo. Lausi geht’s wieder blendend, Schule ist aufgeholt und abends gehen wir zu unserem Tisch bei Captains Cabin, der genau vor unserer LENI steht. Kurz und gut: Alles wunderbar. Wenn das Wetter schön bleibt wollen wir vielleicht morgen weiter.
 
 

Samstag, 12. September 2015

Kalimera Hellas

Die Überfahrt war völlig problemlos, leider auch völlig ohne Wind, so dass wir die ganze Strecke motort sind. Da Petras erste alleinige Nachtwache anstand, auch völlig in Ordnung. Am Nachmittag sehen wir Delphine und baden in der hier 350m tiefen Adria. Die Nachtwache haben wir uns in 2x3 Stunden eingeteilt und schlafen nachmittags abwechselnd ein bisschen; hat gut gepasst.

Am 31.08. überqueren wir gegen 15.00 Uhr die griechische Seegrenze und landen rechtzeitig zum Sundowner in der Südbucht von Ereikoussa, einer kleinen Insel nördlich von Korfu, an. Am nächsten Tag verlegen wir in die Marina Gouvia, da wir noch offiziell in Griechenland einklarieren müssen. Dies soll, laut vieler Berichte, ein ziemliches Buchbinder-Wanninger- Procedere sein, d.h. es kann schnell ein Tag draufgehen, wobei es in der Marina Gouvia „vereinfacht“ sein soll. Direkt neben dem Marina-Büro sitzt der Hafenkapitän, ein freundlicher, sympathischer Mann. Wir haben einiges gelacht und wenn seine Mutter ihn nicht zwischendurch angerufen hätte, wäre die Geschichte noch schneller als in 15 Minuten erledigt gewesen. Der ganze Spaß hat 15 € gekostet, das sog. Dekpa-Formular hatte er leider nicht, so dass ich dies auch nicht bezahlen musste. Alles ganz locker, ich weiß nicht, was die alle haben.

Nikolaus und Leander haben den Pool in Anspruch genommen, während Petra und ich einkaufen waren und die LENI geputzt haben. Abends sind wir mit dem Taxi nach Korfu Stadt, die Altstadt ist wirklich sehenswert und, obwohl noch vieler Touristen, authentischer als Dubrovnik.

Insgesamt sind wir zwei Nächte in der Marina geblieben und dann weiter an die Nordseite des griechischen Festlands, nahe der albanischen Grenze, gezogen. Dort soll es schöne einsame Buchten haben, die es auch gibt. Leider gibt es auch viele Fischfarmen und Müll an Land. Wir haben ein Ei drüber gehauen und sind ab gen Süden in das einsame Nest Sagiada. In der Taverne Alexis läuft es ab, wie man sich das in Griechenland vorstellt. Man sucht sich seinen Fisch, Garnelen und Tintenfische selber aus und alles ist auch noch Freifang. Man erkennt das an den intakten Rückenflossen, die bei Aquakultur durch die Netze abgeschliffen werden und an den deutlich unterschiedlichen Größen der Fische. Dazu sehr liebe, hungrige streunende Katzen und Hunde, also einfach gut. Wir sind gleich zwei Tage geblieben, mit viel Baden. Nikolaus fährt Wasserski, wie ein Großer. Trotz der langen und schweren Erwachsenen-Ski startet er problemlos ohne Hilfe und man hat Mühe ihn wieder von den Ski runter zu bekommen. Wir waren sehr stolz auf ihn.
 

Das nächste Ziel war Syvota im Süden, wo wir eine Privatbucht eröffneten, d.h. wir ankerten in der sog. End Bay ca. 20m vom Ufer entfernt, auf der Steuerbordseite von Felsen umgeben und an Backbord mit Landleine, die wie ein Zaun gewirkt hat. Das Wasser war kristallklar mit vielen Fischen, wie Bandbrassen, Lippfischen und Petermännchen. Obwohl durch den nahegelegenen Strandclub einer Hotelanlage einiges los war, hat es uns bestens gefallen. Petra hat es so gut gefallen, dass sie ungeahnte Kräfte entwickelte und nun in der Lage ist den 30PS Außenborder anzuwerfen.
 
Das Dorf Mourtos um die Ecke ist sehr touristisch mit Chillbars und Aufreißern an den Restaurants der Strandpromenade. Darum speisten wir in der Pizzeria Parasole ohne Aufreißer, nach zwei Fischtagen darf das schon sein und lernten in dem Chef Jimmys einen echten griechischen Gentleman kennen. Ich habe nur einen seiner Kellner gefragt, ob es hier einen Taxibootstand gäbe, der abends noch arbeitet, weil unser Außenborder auf der Hinfahrt schon wieder Probleme gemacht hat und fünf Minuten später war Jimmys an unserem Tisch und hat angeboten, uns zurück zu schleppen. Das ist wirkliche Gastfreundschaft und Willkommenskultur. Überhaupt gefällt uns die Mentalität der Griechen in dieser Ecke von Tag zu Tag besser. Wir bzw. ich wollten es dann doch allein probieren – Jimmys Pizzeria war noch gespickt voll -  und weil die Jungs unbedingt noch von einer tschechischen Straßenmalerin gemalt werden mussten – ich konnte mich gegen drei Massivlinge nicht durchsetzen -, blieb mir nichts anderes über, als in der Zwischenzeit noch drei Bierchen zu trinken. Offensichtlich ist dadurch der Knoten in meinem Hirn geplatzt. Ich habe schon alles probiert, doch jedes Mal, wenn wir alle vier im Boot sind geht die Drehzahl des Motors in voller Fahrt runter und dann geht der Motor aus. Zu zweit läuft alles wunderbar; zum Mäuse melken. Wir also raus aus dem Hafen und Motor aus. Wir wollten schon in die rettenden Arme von Jimmys paddeln als der Knoten platzte. Durch das Vollgasgehüpfe hat sich die Benzinleitung unter den Tank geschoben. Wenn nun zuviel Gewicht auf die Klappe kommt, die den Tank umschließt, wird dieser nach unten gedrückt und die Benzinleitung abgequetscht. Unglaublich, dass es drei Bierchen zu dieser Erkenntnis brauchte. Gruß an alle Antialkoholiker.

Nachdem eine Wetterverschlechterung, d.h. Sturm aus Südost angesagt war, sind wir einen Tag länger als geplant auf Sivota geblieben und haben die Gelegenheit genutzt in einer der Chillbars mit Wlan neue Bücher für Nikolaus auf den Kindle zu laden, da er bereits 9 Bücher verschlungen hat. Paxos musste dafür ausfallen. Am Spätnachmittag des 09.09. sind wir rechtzeitig vor Sturmbeginn, der sich dann nur als kräftiges Windchen entpuppte wieder in der Marina Gouvia gelandet. Der Sturm fand dann doch noch in unserem Geldbeutel statt, da sie es hier von den Lebenden nehmen. Hier verbringen wir die letzten Tage zusammen, bevor Petra und Leander uns Richtung München verlassen. Wie werden Nikolaus und v.a. ich das nur verkraften?